Wie der Hopfen ins Bier kam

Die Triebe des Hopfens wachsen im Durchschnitt um 10 cm pro Tag. Zuchtsorten erreichen eine Höhe von 4 - 8 Metern. Foto und © Pfeiffer.

Auf unserer kleinen kulinarischen Deutschlandreise ziehen wir weiter nach Süden und durchqueren die Region Hallertau. Spätestens hier sollte es beim eingefleischten Bierliebhaber klingeln. Richtig – Hallertauer  Traditionshopfen!  

Neben Tettnang ist die Hallertau, in der Mitte Bayerns, eines der bekanntesten deutschen Anbaugebiete für Hopfen. Vor einigen Jahren hat mein Mann Mark von einer seiner Dienstreisen in den Süden Deutschlands einen kleinen Ableger einer Hopfenpflanze mitgebracht. Von unseren Kindern liebevoll „Hopfi genannt, pflanzten sie ihn sofort ein und trotz zugegebenermaßen bescheidener Pflege, windet sie sich mit Ihren langen Armen jedes Jahr hopfisch an Rankhilfen an unserer Hauswand empor. Und zwar so schnell, dass wir ihr im zweiten Jahr ein Rankgerüst bauen mußten.

Früher wurde Hopfen mit der Hand geerntet, heutzutage geschieht die Ernte maschinell und die Ranken werden per vorbeifahrendem Trecker heruntergerupft. Foto und © Pfeiffer.

Ich sage bewußt „sie“, denn wir haben ein weibliches Exemplar der Sorte Hallertauer Tradition“. Zwar sind männliche Hopfenpflanzen für die Vermehrung in der Zucht zunächst notwendig, danach allerdings ist der männliche Hopfen unerwünscht, denn nur die weiblichen Exemplare tragen die Dolden, die in der Bierherstellung so beliebt sind. Sie können frisch, getrocknet, zu Pellets gepresst oder auch in Form von Extrakten zum Brauen verwendet werden.

Noch ein paar Wochen und an dieser Stelle werden die wertvollen Dolden wachsen. Foto und © Pfeiffer.

Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch eine Vielzahl von Hopfensorten bekannt war, verloren im Zuge zunehmender Industrialisierung während der Wirtschaftswunderjahre viele Sorten an Aufmerksamkeit. Rivalisierende Braukonzerne (Fernsehbiere) und immer weiter sinkende Bierpreisen, veranlaßten die Hopfenbauern fast nur noch billigen Bitterhopfen anzubauen. Das brachte einige Sorten bis an den Rand der Ausrottung. Erst der Craftbeer-Boom sorgte wieder für einen neuen Bedarf an aromatischer Vielfalt und aus den wenigen verbliebenen Pflanzen zogen die Landwirte wieder vermehrt Aromahopfen heran.

Holzstämme auf den Hopfenfeldern halten die stählernen Rankseile in luftiger Höhe auf Spannung. Foto und © Pfeiffer.

Hopfen gehört zur Art der Hanfgewächse (Cannabaceae) und nicht immer wurde Bier mit Hopfen gebraut. Der zum Teil umstrittene Ethnomediziner Dr. Christian Rätsch berichtet in seinem Buch „Urbock – Bier jenseits von Hopfen und Malz“, dass bereits die alten nordeuropäischen Völlker ihrem Bier eine Vielzahl von Kräutern und sogar Beeren oder Tollkirschen beimischten, die teilweise eine stark aphrodisierende oder gar psychoaktive Wirkung hatten. Einige kriegerische Stämme hätten sich damit vor Kämpfen in einen regelrechten Rausch gesoffen, dennoch galt das Bier seinerzeit als Trunk der Götter. Im weiteren Fortgang des Buches beschreibt Rätsch, wie Bier im Laufe der Jahrhunderte vom Göttertrunk zum profanen Massengesöff mit schlechtem Image wurde. Das Buch finde ich absolut lesenswert und jeder kann selbst entscheiden, wieviel er davon glauben möchte. Vieles ist durchaus fundiert. Zu kaufen gibt es das Buch hier im Amazon Antiquariat.

Hopfen bereichert nicht nur den Geschmack der Würze, sondern dient auch als natürliches Konservierungsmittel. Foto und © Pfeiffer.
Die Kids wirken winzig klein neben den Hopfenpflanzen. Foto und © Pfeiffer.

Wie also kam der Hopfen ins Bier? Ich weiss nicht, ob es an der familiären Nähe des Hopfens zur Cannabispflanze liegt, aber Hopfen hat genau das Gegenteil einer aphrodisierenden Wirkung, ist also „abtörnend“ (anaphrodiserend). Im Mittelalter verlagerte sich die Bierkultur im Wesentlichen in Klöster. Da die Mönche zur Fastenzeit nicht essen durften, brauten sie sich ein besonders starkes, dickes Bier, das den Hunger stillte und glückselig berauschte. Mit aphrodisierenden Kräutern konnten sie also nichts anfangen, probierten den Hopfen und lernten schnell, dass der Hopfen außer anaphrodisierend zu sein, durch seine stark mikrobielle Wirkung auch als natürliches Konservierungsmittel diente. Das Bier erreichte dadurch eine längere Haltbarkeit, beruhigte und sättigte gleichzeitig. Das löste gleich mehrere Probleme auf einmal und der Hopfen ist aus dem Bier nicht mehr wegzudenken.

Links:
Hopfenpflanzerverband Hallertau
Markt Wolnzach
Deutsches Hopfenmuseum
Dr. Christian Rätsch – Urbock, Bier jenseits von Hopfen und Malz

Exkurs: Auch in unserem geliebten Uerige-Altbier steckt Hallertauer Hopfen, wie dieser Blick in den gekühlten Lagerraum der Düsseldorfer Altstadtbrauerei verrät. Foto und © Pfeiffer.
Hopfen ist ein weltweiter Wirtschaftsfaktor und wird seit Jahrhunderten kultiviert. Wichtige Institutionen des Hopfenanbaus wie das Deutsche Hopfenmuseum sind in Wolnzach angesiedelt. Foto und © Pfeiffer.
Das Haus des Hopfens beherbergt unter anderem den Verband Deutscher Hopfenpflanzer e.V.,
seit über 140 Jahren die zentrale Dachorganisation und Interessenvertretung der Hopfenerzeuger in Deutschland und ihrer Regionalverbände. Foto und © Pfeiffer.
Wolnzach ist ein Markt im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm im Hopfenland Hallertau. Foto und © Pfeiffer.
Der Maibaum auf dem Marktplatz in Wolnzach. Foto und © Pfeiffer.

Quellen u.a.:
Dr. phil. Christian Rätsch, “Urbock: Bier jenseits von Hopfen und Malz”