Die Süffigkeit des Bieres

Uerige Düsseldorf - Craftbeer seit 1862. Foto und © Pfeiffer.,

Craftbeer liegt seit Jahren im Trend und hat, initiiert in den USA, mit einer neu aufkeimenden Vielfalt den Biermarkt (wieder)belebt. Über Jahre schien es, als würden die großen Fernsehbierkonzerne die kleinen Brauereien schlucken und noch vor 15 bis 20 Jahren sagte man den kleinen Hausbrauereien den Tod voraus. Der Craftbeer-Boom hat eine Trendwende gesetzt, aber wollen wir wirklich nur noch Craftbeer trinken?

„Die Süffigkeit (Adjektiv: süffig) beschreibt, wie leicht und angenehm sich ein alkoholisches Getränk trinken lässt.“ – Wikipedia.

Vorab sei gesagt, dass der folgende Text kein wissenschaftlicher Monolog über Brauverfahren und Absatzzahlen sein soll. Wer Zahlen, Daten, Fakten wissen möchte kann gerne die Kennzahlen der verschiedenen Brauereiverbände studieren oder schreibt mir. Die meisten wissen mehr oder weniger genau, wie Bier hergestellt wird. Wir haben die traditionsreiche Hausbrauerei Uerige in Düsseldorf besucht und uns selbst ein Bild gemacht.

In der Maisch- und Würzpfanne fängt alles an, nachdem das geschrotete Malz mit Wasser vermischt zum Kochen gebracht wird. Foto und © Pfeiffer.

Wir alle haben uns gefreut über eine blühende Craftbeer-Szene, die dem oft langweiligen und flachen Einheitsgeschmack der Industriebiere die Stirn geboten hat. Bravo! Jeder Ausflug in den Feinkostladen, Getränkehandel oder später in den Supermarkt, entwickelte sich in der Bierabteilung zur schmackhaften Expedition in die Bierwelt. Zahlreiche Exoten aus der ganzen Welt wurden zusammengekauft und anschließend im Kühlschrank für den besonderen Moment gehortet. Als der besondere Moment dann gekommen war, folgte oft schnell die Ernüchterung. Nicht alles, was zuvor verheißungsvoll klang, entpuppte sich anschließend auch als Gaumenfreude. Sagen wir es mal so: Durch den Craftbeer-Trend entdeckten einige Brauer alte Brau- und Hopfungsverfahren wieder neu, die in der Mehrzahl der Brauereien kaum noch Anwendung fanden. Gleichzeitig hat der Boom dafür gesorgt, dass anstatt überwiegend Bitterhopfen auf vielen Feldern wieder eine Vielzahl von Aromahopfen angebaut wurde. So weit so gut. Wir lieben Vielfalt.

Hopfen bereichert nicht nur den Geschmack der Würze, sondern dient auch als natürliches Konservierungsmittel. Foto und © Pfeiffer.

Nun kommt das „Aber“: Einige der Brauexperimente sind so üppig geraten, dass die in alten Trinksprüchen vielgepriesene „Süffigkeit“ darunter gelitten hat. Ein mit Aromahopfen in Zitrusnoten gebrautes und anschließend noch mehrfach kalt gehopftes IPA klingt ohne Zweifel exotisch und durchaus lecker. Ebenso aktiviert dessen Genuß lang vernachlässigte Geschmacksregionen auf der Zunge. Aber ehrlich gesagt, hatte ich mich an den meisten der trendigen Bierkreationen doch nach zwei oder drei Gläsern sattgetrunken und mich nach einer süffigeren Variante zum Fortfahren gesehnt.

Im Kühlschiff wird der Sud gekühlt. Hier findet auch der erste Kontakt zu eventuell in der Luft schwebenden Hefebakterien statt. Foto und © Pfeiffer.

Bier mit seinem niedrigen Alkoholgehalt, was in spätmittelalterlichen Zeiten von Erwachsenen sowie Kindern sogar als sauber geltende Alternative zum oft unhygienischen Wasser dauerhaft konsumiert wurde, ist eigentlich dazu bestimmt über den ganzen Tag oder Abend verteilt getrunken zu werden. Wie wir alle wissen endet das meist nicht nach ein oder zwei Gläsern. Geschmacksexperimente sind zwar spannend, eignen sich aber wenig um sie über den ganzen Abend fortzusetzen. Irgendwann wünscht man sich schlichtweg ein süffiges Bier.

Der Berieselungskühler kühlt, wie der Name schon sagt, zusätzlich. Ein solch altertümliches Gerät kommt in den meisten Brauereien nicht mehr zum Einsatz. Die Brauer der Hausbrauerei Uerige sehen darin einen festen Bestandteil ihres Bierrezeptes und pflegen somit die Brautradition. Foto und © Pfeiffer.

Hier sind die vielen, kleinen regionalen Brauereien, den Craftbeer-Brauern oft weit voraus. Wer zum Beispiel in Düsseldorf in das Schaufenster der Uerige-Brauerei schaut, stößt unmittelbar auf eine Leuchtreklame, die augenzwinkernd darauf hinweist, dass dort bereits seit 1862 Craftbeer gebraut werde. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet dieser Behauptung einen Videobericht über das dort praktizierte Brauverfahren, sowie die Familienphilosophie des „schlecht gelaunten“ Brauereigründers.

Der deutsche Biersommelier (ja, auch solche Berufe sind mit dem Craftbeer-Boom entstanden) Oliver Wesseloh, ehrt das Düsseldorfer Uerige-Alt sogar als das beste Regionalbier Deutschlands. Über fast 160 Jahre hat es die kleinen Düsseldorfer Privatbrauerei also geschafft handwerklich in kleinen Mengen gebrautes Bier so an den Geschmack ihrer Gäste anzupassen, dass es bis heute als geschmacklich vielfältig, gleichzeitig aber auch süffig wahrgenommen wird. Das gleich gilt selbstverständlich nicht nur für Düsseldorfer Altbier-Brauereien sondern für viele regionale Braustätten. Handwerklich gut gebrautes Bier weiß also zu überzeugen.

In offenen Gärbottichen wird der im Sudhaus aus der Stärke gewonnene Malzzucker auf natürliche Weise durch Hefe in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt. Foto und © Pfeiffer.

Was ist für Euch beim Bier wichtiger: exotische Geschmacksexperimente oder die Süffigkeit?

P.S.: Übrigens darf eine Brauerei ihr Bier nach aktueller Rechtsprechung „süffig“ nennen, nicht aber „bekömmlich“.

Wer mehr über das Brauen erfahren möchte findet in Oliver Wesselohs Buch „Bier Leben – Die neue Braukultur“ ein umfängliches und leicht verständliches Lehrbuch.

Mehr Infos zum Uerige gibt es hier.

Im kühlen Keller reift das Jungbier noch einige Wochen in Edelstahltanks … . Foto und © Pfeiffer.

 

… bevor es traditionell wie eh und je auch in Holzfässer abgefüllt wird. Foto und © Pfeiffer.

 

Foto und © Pfeiffer.
Der Großteil des gebrauten Altbieres wird in der eigenen Wirtschaft ausgeschenkt. Kenner schätzen Ihr Altbier zu jeder Jahreszeit, weshhalb sowohl vor als auch in der Wirtschaft stets reger Betrieb herrscht. Foto und © Pfeiffer.

 

Abgerechnet wird die alkoholhaltige Köstlichkeit unbürokratisch per Strichen auf dem Bierdeckel. Foto und © Pfeiffer.

 

Wer sein Altbier am Stammsitz des Uerige in der Düsseldorfer Altstadt genießt, kann sich etwas Abwechslung verschaffen bei einem Killepitsch, serviert aus dem Fenster des Kabüffke an der Straßenecke gegenüber. Davon erzählen wir vielleicht in einem unserer nächsten Berichte. Foto und © Pfeiffer.

Werbung, da Namensnennung. Unbezahlt.