Kochpromo mit reißerischer Überschrift

Jamie Oliver verfolgt von einem Kometenschweif an Journalisten, Berlin. Foto und © Pfeiffer.

Ein Industrieloft irgendwo in einem Berliner Hinterhof im Herbst. Bereits vor der Tür und im Treppenhaus stehen Kamerateams von Vox, Sat1, RTL und Pro7. Dazu zahlreiche Vertreter der schreibenden Zunft samt Fotografen. Man sieht Geschäftsleute im Anzug, ebenso wie volltättowierte Kellnerinnen, dazu Hipster mit Bärtchen, Nerd-Brille und Woll-Cardigan.

Jamie Olivers Verlag Dorling-Kindersley hat zur Buchvorstellung eingeladen, auf der der Brite sein neues Buch „Superfood“ vorstellt. Der Raum, den sein Verlag dafür gebucht hat, erinnert durch herumstehende Werkbänke und Spindschränke eher an eine Schlosserwerkstatt als an eine Küche, aber auch das gehört zum sorgfältig duchgestylten Shabby-Chic-Stil von Jamie Oliver. Als der Koch den Raum betritt geht das Blitzlichtgewitter los. In jede Kamera hält er sein Buch. Neben seinem Stab an PR-Profis ist der kochende Entertainer mit eigenem Catering-Team angerückt, das in seinem Stil Speisen aus seinem aktuellen Kochbuch auf und in Jamie-Oliver-Geschirr und -Küchenutensilien anbietet. Als Mitarbeiter seines größten Lizenznehmers darf ich für etwa Hundert Leute Catering-Equipment aus unserem Lizenz-Sortiment zur Verfügung stellen.

Catering Buchvorstellung „Superfood“. Foto und © Pfeiffer.

Nach kurzem Fototermin verschwindet der Brite in ein Separée für Interviews mit den angereisten Pressevertretern, Bloggern und Influencern. Präzise durchgetaktet erhält jeder exakt 15 Minuten Gesprächszeit. Die Blogger, offensichtlich noch nicht ganz so privilegiert, müssen ihre Fragen in gemeinsamer Runde stellen. Anschließend folgt ein Selfie-Marathon mit Fans und Geschäftspartnern, für die der Fernsehstar geduldig zur Verfügung steht.

Obwohl es eigentlich um sein neues Kochbuch geht, fragt ein Reporter der Bild-Zeitung vor laufender Kamera, ob Jamie schon einmal nackt gekocht habe. Eine aufgrund ihrer großen gesellschaftlichen Relevanz natürlich ungemein spannende Frage. Zu meiner Überraschung erklärt Oliver freizügig, dass er in jungen Jahren an einem größtenteils unbekleideten Tag mit seiner heutigen Frau, Hunger verspürt habe und zu kochen begann. Immer noch im Adamskostüm habe er sich dabei am Herd den Penis verbrannt, weshalb er über den Bild-Journalisten (darf man das sagen?) die Empfehlung an sein deutsches Publikum ausspricht, beim Kochen Schürzen zu tragen. Neben vielen anderen Produkten stellten wir als Lizenznehmer eben solche Schürzen für das Jamie-Sortiment her. Aha, so funktioniert also Koch-Promo! (Link zum Video der Bild: https://www.bild.de/video/clip/jamie-oliver/jamie-oliver-penis-verbrannt-43374890.bild.html).

Catering Buchvorstellung „Superfood“. Es muß Jamies Lieblingsschüssel sein, sie ist in zahlreichen Rezept-Shots zu finden. Foto und © Pfeiffer.

Jeder kann sich vermutlich das enstprechende Medienecho im Nachgang zur Pressekonferenz vorstellen, insbesondere auf Bild, Express, Focus, InTouch, etc., wurde die Penis-Geschichte zelebriert. Googelt man heute „Jamie Oliver Superfood“ (zur Erinnerung: so hieß ja das Buch) erhält man weltweit 2,07 Millionen Suchergebnisse. Die Suche nach „Jamie Oliver Penis“ ergibt 2,21 Millionen Suchergebnisse allein in Deutschland. Offensichtlich hat es hier jemand gut verstanden sich und sein primäres Geschlechtsorgan medienwirksam zu inszenieren.

 

Das obligatorische Geschäftspartner-Selfie, Mark und Jamie (vlnr). © Pfeiffer

Der Prozess des Kochens und die damit verbundenen Erlebnisse und Anekdoten, also Storytelling und -sharing, sind offensichtlich das Produkt. Der so erstellte Content wird in Form von Lizenzen, Kochbüchern, Airtime, sozialen Medien, politischen Kampagnen und Werbepartnerschaften bereits seit über 20 Jahren erfolgreich vermarktet und monetarisiert. Auch wenn die als Franchise betriebenen Restaurants unter seinem Namen anscheinend wenig erfolgreich laufen, flacht das weltweite Interesse an dem skurrilen Koch offenbar nur langsam ab. Siehe Google Trends Grafik unten. Die großen Peaks sind immer Buchveröffentlichungen mit zeitgleicher Promo-Tour.

Weltweiter Google Trend zum Suchbegriff „Jamie Oliver“. Screenshot: Google Trends.